Episode 39: KI als Anwalt – Cybercrime, Macht und Verantwortung im Rechtsbereich | KI Podcast
8 Min. Lesezeit • 21.12.2025
Wenn Künstliche Intelligenz auf das deutsche Rechtssystem trifft, entstehen faszinierende Möglichkeiten – und komplexe Herausforderungen. Dennis Westermann und Axel begrüßen Thede Helmers, Gründer des KI-Startups leges.ai und ehemaliger Cybercrime-Experte bei der Polizei. Das Gespräch zeigt, wie spezialisierte KI-Systeme juristische Sprache verstehen lernen und warum die Zukunft der Rechtsberatung nicht in riesigen Modellen, sondern in hochspezialisierten Lösungen liegt.
Vom Polizisten zum Legal-Tech-Gründer
Thede Helmers bringt eine ungewöhnliche Kombination mit: Drei Jahre Jurastudium bei der Polizei, zwölf Jahre Ermittlungsarbeit im Darknet-Bereich und tiefes technisches Verständnis. Seine Faszination für juristische Sprache begann während des Polizeistudiums in Nienburg, wo zwei ehemalige Anwälte als Dozenten unterrichteten. "Dass man einfach mit Sprache so arbeiten kann", beschreibt er den Moment, der ihn prägte. Als die ersten Large Language Models aufkamen, erkannte er das Potenzial: Wenn diese Systeme Sprache beherrschen, könnten sie auch die komplexe juristische Fachsprache verstehen.
Vor anderthalb Jahren gründete Thede mit seinem Bruder leges.ai – ein Chatbot, der Fragen zum deutschen Recht beantwortet. Die ersten Tests auf Kaggle mit kostenlosen Grafikkarten übertrafen alle Erwartungen. Doch die letzten 15 bis 20 Prozent Qualitätssteigerung erforderten intensive Arbeit: Datenaufbereitung, Feintuning und vor allem die Optimierung des Embedding-Modells – des "Bibliothekars", der in der Wissensdatenbank die richtigen Informationen findet.
RAG-Systeme und die Grenzen großer Modelle
Die technische Basis von leges.ai ist ein RAG-System (Retrieval Augmented Generation), das generative KI mit festem Rechtswissen verbindet. Während ChatGPT oder Gemini breit trainiert sind, konzentriert sich Thedes System auf deutsches Recht: Gerichtsurteile, Gesetzestexte, Kommentare. "Der Rechtsbereich ist immer noch die Ausnahme", erklärt er. Große Modelle halluzinieren bei spezifischen Rechtsfragen häufiger, weil sie mit amerikanischem und englischsprachigem Material trainiert wurden. Niedersächsisches Gefahrenabwehrrecht? Fehlanzeige.
Die Diskussion über Suggestivfragen offenbart ein grundsätzliches Problem: KI-Systeme wollen "pleasing" sein und stimmen emotional aufgeladenen Nutzern oft zu. "Das kann ja wohl nicht sein, dass die Blätter über meinen Gartenzaun fallen", könnte ChatGPT zur Klage ermutigen – während ein erfahrener Anwalt zur Deeskalation raten würde. Thede setzt deshalb auf klare Hinweise: Sein System bietet Orientierung, keine Rechtsberatung. Die Überprüfung durch Fachleute bleibt unverzichtbar.
Small Language Models als Zukunft
Ein zentraler Punkt des Gesprächs: Die Zukunft liegt nicht in immer größeren Modellen, sondern in hochspezialisierten Small Language Models. Thede warnt vor der KI-Bubble: Viele Startups bauen auf OpenAI oder anderen Tech-Giganten auf, ohne eigenes tragfähiges Geschäftsmodell. "OpenAI hat nur das eine, setzt all in", während Google, Apple oder Amazon andere Einkommensströme haben. Wenn die Infrastruktur-Investitionen nicht aufgehen, könnte die Bubble platzen.
Seine Vision: Kleine, spezialisierte Modelle für konkrete Aufgaben. Wer nur Python-Code braucht, benötigt kein Omnimodell, das ein ganzes Rechenzentrum beansprucht. Ein Mini-Modell, das ausschließlich Python beherrscht, schlägt ChatGPT in diesem Bereich – und läuft vielleicht sogar auf dem Laptop. Energetisch und wirtschaftlich macht das mehr Sinn. Thede plant bewusst konservativ: niedrige Kosten, keine überstürzten Investorenrunden, Ruhe bewahren. "Vielleicht ein bisschen wie beim Yoga", sagt er über seine Strategie im turbulenten KI-Markt.
Von B2C zu B2B: Der Pivot
Ursprünglich richtete sich leges.ai an Privatpersonen – kostenlos, als Alternative zu Google-Recherchen in Rechtsforen. Fast 600 Nutzer haben sich registriert, die Plattform erreicht monatlich eine halbe Million Views auf Threads, wo Thede aktiv rechtliche Sachverhalte erklärt. Doch der Fokus verschiebt sich: Eine Versicherung fragte an, ob das System Widerspruchsfälle bearbeiten könne. Mitarbeiter in HR, Compliance oder Energiewirtschaft haben ständig rechtliche Fragen, aber selten schnellen Zugang zu Juristen.
Thedes Traumkunden sind Unternehmen, die regelmäßig rechtliche Entscheidungen treffen müssen – vom 50-Personen-KMU bis zum Konzern mit eigener Rechtsabteilung. Oft wird auf veraltete Vorlagen zurückgegriffen oder nach bestem Gewissen gehandelt. "Das ist schade", sagt er, "weil man gar nicht weiß, wie man den rechtlichen Rahmen voll ausnutzen kann." Sein Ziel für die nächsten fünf Jahre: Ein kleines, familiäres Team von 10 bis 15 Leuten, kundennah, mit funktionierendem Businessmodell.
Die Episode zeigt: KI im Rechtsbereich ist kein Hype-Thema, sondern praktische Notwendigkeit. Spezialisierung schlägt Größe, Ruhe schlägt Aktionismus. Und am Ende braucht es immer noch Menschen – mit Empathie, Erfahrung und der Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen.
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